Blitzentspannung – eine Seminarerfahrung

Alle reden davon, dass wir in einer Zeit der allgegenwärtigen Beschleunigung leben. „Entschleunigung“ ist das Modewort, das Ruhe und Gelassenheit verheißt. Und da kommt eine Methode daher, die sich „Blitzentspannung“ nennt? Also auch entspannen soll ich mich nun „blitzschnell“, bloß keine Zeit vergeuden mit der Entspannung? Ziemlich skeptisch lasse ich mich auf das Experiment ein: Ein Tag Seminar zum Thema Blitzentspannung.

 

Ich muss keine bequeme Kleidung und warme Socken mitbringen. Im Seminarraum liegen keine Matten, es brennen keine Duftkerzen und es gibt keinen Kräutertee. Das finde ich schon mal sehr entspannend!

 

Im Laufe des Tages erfahre ich viel darüber, was Stress mit uns macht, wie wunderbar mein Körper eigentlich funktioniert, ohne dass ich ihn bewusst steuere, und wie ich ihn dann doch über mein Unterbewusstsein beeinflussen kann. Und zwischendurch immer wieder die Minuten-Methode, die wir Formel für Formel an diesem Tag einüben:

 

Zu Anfang dreimal den Atem beobachten. Nicht besonders schön und tief ein- und ausatmen, sondern einfach beobachten, wie der Atem kommt und geht. Auch wenn es mir noch nicht so richtig gelingt, macht es, dass ich mit meiner Konzentration bei mir ankomme. Dann 7 Formeln, mit denen ich mich in einen entspannten Zustand bringe.

 

Unter den 7 Formeln begegnet mir ein Satz aus dem autogenen Training: „Mein rechter Arm, du bist warm und schwer.“ Ach ja, denke ich, wieder diese Geschichte, die ich im Unterschied zu allen um mich herum nie hinkriege. Aber zu meiner Verwunderung muss ich gar nicht „nachspüren“, wie warm und schwer mein Arm denn nun ist. Er muss sich gar nicht besonders warm und schwer anfühlen, ich muss mir diesen Satz nur sagen. Denn es ist sowieso eine Tatsache: Mein Arm ist 37° C warm und ein Gewicht hat er auch. Klar.

 

Das ist ein Mentaltraining, kein Körpertraining, klärt der Trainer Oliver Schlossarek mich auf. Und ich lerne ein neues Wort kennen: Ideoplasie. Bedeutet: Bestimmte Vorstellungen setzen sich körperlich um. Sie müssen für uns nur glaubhaft erscheinen, Realitätscharakter haben. Mentaltraining funktioniert also so: Ich sage mir Sätze, die Realitätscharakter haben (der Arm ist warm und schwer) und deshalb von meinem Unterbewusstsein als wahr akzeptiert werden. Wenn ich zum Beispiel mit geschlossenen Augen ruhig dasitze und mir sage: „Meine Liebe, du bist ganz ruhig“ dann sehe ich mich vor meinem inneren Auge so ruhig dasitzen und mein Unterbewusstsein sagt sich: Gebongt, das stimmt. Und dann kann die Entspannung kommen.

 

Unter den 7 Formeln hat mich noch eine andere nachhaltig beeindruckt: „Alles ist gleich-gültig.“ (Vorsicht: gemeint ist nicht gleichgültig.) Dazu stelle man sich eine Waage vor. In der einen Waagschale sitzt man selbst und in der anderen liegt das, was einen belastet, eine Aufgabe, eine Person, was auch immer. Nun kommt es darauf an, sich diese Waage in der Balance vorzustellen. Der Stress, das Problem wiegt nicht mehr als ich selbst. Ich gebe ihm kein größeres Gewicht. Allein diese Vorstellung führt dazu, dass ich dem Stress „auf Augenhöhe“ begegne und mich nicht ohnmächtig fühle. „Selbstwirksamkeit“ ist das Schlüsselwort. Wer Selbstwirksamkeit verspürt, dem geht’s gut.

 

Ich will hier nicht auf alle 7 Formeln eingehen. Am Ende der Minutenübung steht die Rückkehr aus der Entspannung mit einem kräftigen Strecken und Aktivieren der Muskeln. Danach fühlt man sich entspannter und frischer. Wer es erfahren will, sollte sich einen Tag Zeit nehmen für ein nachhaltiges Training.

 

Was mich überzeugt hat: Direkt nach dem Seminar und noch 5 Tage später verspüre ich Lust, mir eine Minute Zeit für diese Übung zu nehmen, weil ich unmittelbar merke, dass es mir gut tut. Manchmal reicht auch schon die Konzentration auf den Atem oder die Vorstellung der Waage, um einen Moment des Abschaltens zu gewinnen. Ich kann es fast überall machen: Im Zug auf der Rückfahrt vom Seminar, in einem ruhigen Büro, zu Hause und in der Nacht, wenn ich nicht einschlafen kann… Die Methode ist nicht aufwendig und doch wirksam. Je öfter man sie macht, umso spürbarer kommt die Entspannung. Sie lässt sich in unseren Alltag gut integrieren. Und was meine anfängliche Skepsis angeht: Es ist tatsächlich eine Methode, die in unsere Zeit passt. Wörtlich und sinnbildlich.

 

Bildnachweis: © IchZeit / flickr.com

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