Deutsche Unternehmen in Russland – Ein Interview mit Dr. Daria Boll-Palievskaya

Immer mehr Unternehmen in Deutschland verlagern ihre Tätigkeiten ins Ausland – nicht nur um den steigenden Lohnnebenkosten zu entfliehen, sondern verstärkt auch um neue Märkte zu erschließen und Vertrieb und Kundendienst auszubauen. Fast 6,5 Mio. Menschen waren im vergangenen Jahr bereits in deutschen Firmen im Ausland (Ziel Nr. 1: China) beschäftigt (Quelle: Die WELT vom 29.03.13).  Passend zum Beginn der olympischen Winterspiele in der russischen Stadt Sotschi haben wir unsere Trainerin Dr. Daria Boll-Palievskaya dazu befragt, was deutsche Unternehmen nach Russland zieht und welchen Herausforderungen sie vor Ort begegnen.

 

hand vorneDr. Daria Boll-Palievskaya,  Expertin für interkulturelle Kommunikation

1. Ist die Abwanderung deutscher Unternehmen Ihrer Meinung nach „ein Warnsignal für den Standort Deutschland“ und was sind Gründe dafür, dass Unternehmen sich gerade auf den Weg in den Osten begeben?

 

Die deutsche Industrie setzt traditionell auf den Export, das ist eine Binsenwahrheit. Allerdings sind osteuropäische Märkte ein relativ neues Gebiet, zumindest was die Russische Föderation betrifft. Zu lang und zu groß war die Angst vor dem „russischen Bären“. Inzwischen sind die Vorteile für alle offensichtlich, denn das Potenzial des russischen Binnenmarktes ist riesig. Der Bedarf an deutschem Knowhow ist enorm (und zwar durch alle Branchen hindurch vom Maschinenbau bis zur Logistik), außerdem  wächst die Mittelschicht, die Gesetzgebung Investoren gegenüber ist freundlicher geworden, auch immer mehr Regionen werden attraktiv. Viele Firmen, die den Markt jahrelang von Deutschland aus beliefert haben, entscheiden sich für eine eigene Produktion vor Ort. VW oder Siemens sind dabei die bekanntesten Beispiele, aber auch mittelständische Unternehmen produzieren in Russland.  

 

2. Konnten die deutschen Unternehmen von den Olympischen Spielen in Sotschi profitieren?

 

Deutsche Unternehmen kann man schon jetzt als Preisträger der Spiele bezeichnen, denn sie haben Aufträge für mehr als 1,5 Mrd. Euro in Sotschi bekommen. Mehr als 100 überwiegend Mittel- und Kleinunternehmen aus Deutschland waren dabei. Ob Tief- oder Hochbau, Innenarchitektur, Consulting, Sicherheitstechnik, Infrastruktur oder Logistik – die Deutschen sind bei dieser Olympiade ganz vorne.

 

3. Auf welche Probleme stoßen deutsche Unternehmen, die sich in Russland auf die Suche nach Mitarbeitern begeben?

 

Es ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, ob ich „nur“ eine Repräsentanz in Moskau eröffne oder eine Produktion, sagen wir mal in Uljanowsk. Vor allem in den Regionen erweist sich die Suche nach Führungskräften und Facharbeitern als schwierig. Einen Top-Manager mit Englischkenntnissen und einem westlichen Führungsstil zu finden, der noch Ahnung von compliance und change management hat und bereit ist, in eine Region außerhalb von Moskau zu gehen ist schier unmöglich. Noch schlimmer sieht es mit Facharbeitern aus. In Deutschland glaubt man, dass die Russen ein sehr hohes Niveau an technischer Ausbildung haben. Das stimmt allerdings nur für Absolventen der technischen Universitäten. Dabei hat sich der Katalog an technischen Berufen in den letzten zwanzig Jahren in Russland kaum geändert, das bekommt vor allem die Autoindustrie zu spüren.

 

4. Was unterscheidet den russischen vom deutschen Arbeitsmarkt?

 

Der russische Arbeitsmarkt ist viel rasanter und dynamischer als der deutsche. Russische Arbeitnehmer sind sehr wechselfreudig und karriereorientiert. Das erlebe ich wirklich oft in meiner Kommunikation mit russischen Kunden oder Geschäftspartnern: Noch gestern habe ich mit Herrn Iwanow ein Projekt besprochen, am nächsten Tag kommt eine Mail: „Sorry, arbeite inzwischen für ein anderes Unternehmen“. Das irritiert die deutschen Investoren, denn sie planen ja langfristig. Für sie sehen einige russische Lebensläufe eher wie Terminkalender aus – alle zwei Jahre ein neuer Job. Für Russland ist es aber beinahe die Norm.

Es kommt aber natürlich auch auf den Berufszweig an. Bei einem Buchhalter sollte eine solche Wechselhaftigkeit misstrauisch machen, doch bei einem Salesmanager gehört es beinahe zum Job. Also, muss man die russischen Bewerbungsunterlagen auch richtig lesen können. Übrigens, bei all ihrer Flexibilität gehen die Russen sehr ungern in die Regionen außerhalb der großen Städte. Man verlässt keine Metropolen, man geht nicht in die Provinz. Das müssen die deutschen Arbeitgeber berücksichtigen, wenn sie Positionen irgendwo in Woronesh besetzen müssen.

 

Während in Deutschland die Themen Demographie und Nachwuchsmangel schon länger im Gespräch sind, bekommen auch Unternehmen in Russland den „War of Talents“ jetzt zu spüren. Daria Boll-Palievskaya schreibt in einem Gastbeitrag für die Nachrichtenseite Russland HEUTE, welche Fallstricke sich daraus auch für deutsche Unternehmen ergeben, die vor Ort Mitarbeiter beschäftigen. Zum Beitrag, der auch mit gängigen Klischees aufräumt, kommen Sie hier.

 

Bildnachweis: © Siemens-Pressebild; Reference-Number: PN 201304-07

Kommentar Schreiben


*

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.