Jedes Jahr aufs Neue … – Damit aus guten Vorsätzen wirklich Taten werden

Interview mit Stefan Kierstein über gute Vorsätze, das Scheitern und die eigene Willensstärke

Der Jahreswechsel naht und ich nehme mir für das nächste Jahr wieder einmal vor, mehr Sport zu treiben. Ich denke, es geht mir da wie vielen anderen auch: Nach einer kurzen Phase der Euphorie scheitere ich immer wieder an der Umsetzung meines guten Vorsatzes. Woran liegt das?

Aus meiner Sicht ist der Jahreswechsel aufgrund seiner symbolischen Bedeutung nicht der richtige Zeitpunkt, um sich solche Aufgaben zu stellen. Wir befinden uns an diesem Tag in einer Phase, die nahelegt, dass etwas Neues beginnt. Solche Momente fördern bei vielen Menschen unbewusst die Einstellung, im nächsten Jahr etwas anders machen zu wollen, das Verhalten zu ändern oder neue Herangehensweisen zu wählen.

 

Der Erfolg meines Vorsatzes beruht also schon darauf, wann ich den Entschluss fasse?

Nicht unbedingt. Ich möchte nicht ausschließen, dass Vorsätze, die zum Jahreswechsel gefasst werden, nicht realisiert werden. Aber häufig ist das Datum der primäre Auslöser für die Absicht sein Verhalten zu ändern. Und dieses Wissen wirkt sich bei vielen Menschen negativ auf die Verbindlichkeit des Vorsatzes aus.

 

Was schlägst du also vor?

Ich frage zurück: Was hält dich bislang davon ab, mehr Sport zu treiben? Diesen Vorsatz kannst du zu jedem Moment deines Lebens fassen. Willst du deinen Vorsatz erfolgreich umsetzen, muss du dir klar sein, was dich dazu bewegt, diese Veränderungen anzustreben.

 

Wie finde ich das heraus?

Frag dich, aus welchen Gründen du dein Verhalten ändern willst.

 

Ich verspreche mir positive Effektive auf meine Gesundheit. Nach einem langen Tag am Schreibtisch habe ich schon das Bedürfnis mich zu bewegen und einmal auszupowern.

Da geht es dir wie anderen Menschen auch. Du hast bestimmte Gründe, die dich motivieren dieses Vorhaben anzugehen. Ein Vorsatz zu fassen, bedeutet aber nicht, dass er auch realisiert wird.

 

Was hält mich davon ab?

Wir wissen aus der Motivationspsychologie, dass Menschen ihre Vorhaben immer mit den Mühen aufrechnen, die sie aufwenden müssen, um ein Ziel zu erreichen. Sind diese Mühen größer, als das Erfolgserlebnis, das vielleicht irgendwann einmal eintritt, verhindert das eine Umsetzung.

 

Man ist selbst dafür verantwortlich, dass aus guten Vorsätzen Taten werden.

Ich sollte mir also kleinere, nachvollziehbare Vorhaben auswählen?

Ja, das wäre eine Möglichkeit. Die meisten Veränderungsvorhaben, die wir anstreben, beruhen ja auf einer persönlichen Betroffenheit. Du könntest dich also fragen, wie sehr dich deine momentane körperliche Passivität auf einer Skala von null bis zehn nervt. Daraus kannst du ableiten, in welchem Umfang du sportlich tätig werden willst.

 

Wenn ich mich aber immer daran orientiere, dass der Aufwand für eine Handlung so gering wie möglich bleibt, verlasse ich meine Komfortzone ja nie.

Das könnte man meinen. Es ist aber nicht nur die Motivation, die uns zu bestimmten Dingen antreibt. Wenn frühmorgens der Wecker klingelt, springst du dann total motiviert und beschwingt aus dem Bett?

 

Nein, ist stehe auf, weil es von verschiedenen Seiten erwartet wird.

Ja, die meisten Menschen stehen auf, weil Sie diese Erwartungen erfüllen wollen und die Konsequenzen fürchten, wenn Sie liegen bleiben. Das nennt man inneren Zwang. Es gibt Menschen, denen solche Sachen egal sind. Andere können sich eben besser zwingen. Man spricht dann gern davon, dass sie willensstärker sind.

 

Kann ich meine Willensstärke beeinflussen?

Ja, das geht schon. Wir können in unserem Arbeitsumfeld, im Sport oder im Privaten beobachten, dass es eben Menschen gibt, die sich gedanklich sehr gut vorstellen können, wie es sich anfühlt, ein Ziel zu erreichen. Die aus dieser Vorstellung einen emotionalen Schub ziehen und denen es dadurch leichter fällt, ein Vorhaben zu realisieren.

 

Wie machen die das?

Zum Beispiel durch Glaubenssätze wie „Augen zu und durch“. Damit treiben sie sich selbst zum Handeln an. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Mühen des Prozesses auszublenden und sich auf das Erfolgserlebnis zu fokussieren.

 

Was hältst du von externen Impulsen, wie Apps zur Selbstoptimierung, die mich immer wieder daran erinnern, mein Vorhaben umzusetzen.

Von außen ist es immer schwer zu beurteilen, welche Person welchen Impuls wie wirksam erlebt. Der eine fühlt sich durch die Push-Benachrichtigung einer App gestärkt, andere brauchen vielleicht die Unterstützung der Gemeinschaft. Gerade beim Sport können wir feststellen, dass die Schwelle etwas zu tun, geringer ist, wenn andere Menschen mitmachen.

 

Du bietest für das ime ja auch das Seminar „Umsetzungskompetenz erhöhen“ an. Ist das der Ausweg für alle, die ihren inneren Schweinehund besiegen wollen?

Wir setzen uns mit den Aspekten auseinander, die jeden Teilnehmer persönlich davon abhalten eigene Vorhaben umzusetzen. Ich kann aber nicht sagen, wie gut jeder in der Lage ist, selbst ins Machen zu kommen. Umsetzungskompetenz ist deshalb ein vieldeutiger Begriff. Aber wir schauen uns natürlich an, welche Faktoren eine Umsetzung begünstigen. Die Teilnehmer bekommen dafür wertvolle Denkanstöße. Die eigentliche Arbeit beginnt dann aber erst nach dem Seminar.

 

Stefan, vielen Dank für das Gespräch.

 

Stefan KiersteinStefan Kierstein, Psychologe und Supervisor BDP gibt Seminare und Trainings zu den Themen Führung, Kundenorientierung und Persönlichkeit.

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