Vom schwierigen Umgang mit den eigenen Potenzialen

Simone Janson hat auf berufebilder.de zu einer Blogparade unter dem Themenschwerpunkt Potenzialentfaltung aufgerufen und die Frage gestellt, wie Menschen motiviert werden können, die eigenen Potenziale abzurufen. Die Frage nach den persönlichen Talenten oder Potenzialen beschäftigt uns in Trainings, Coachings oder Entwicklungsprogrammen immer wieder.
Dr. Stefan Kierstein, Psychologe und Trainer im Auftrag des ime veranschaulicht in einer persönlichen Auseinandersetzung, wo die Schwierigkeiten bei der Suche nach den eigenen Potenzialen liegen.

 

Können andere Menschen überhaupt motiviert werden?

Erst einmal: Motivation bedeutet menschliche Handlungsbereitschaft. Diese resultiert aus der bewussten Vorwegnahme, dass eine bestimmte Handlung zu einem persönlichen Nutzen führt. Dabei entscheiden und handeln Menschen vor dem Hintergrund ihrer Interessen und Bedürfnisse. Indem wir diese Prämisse anerkennen, ist klar, dass jeweils nur ein Mensch diesen im eigentlichen Sinne motivieren kann: Dieser selbst!

 

Im Allgemeinen geht es bei der Beschäftigung mit Motivation allerdings darum, Ansatzpunkte zu finden, das Handeln anderer Menschen in eine gewünschte Richtung zu bewegen. Unternehmer, Lehrer oder Vorgesetzte suchen also Antworten auf die Frage: Was kann ich tun, damit ein anderer tun will, was ich will, dass er tut? In diesen Fällen haben wir es aber nicht mit Motivation, sondern mit mehr oder weniger gut präsentierten äußeren Zwängen etwa zur Steigerung der Leistung zu tun.

 

Nur wer sich selbst prüft, kann eigene Potenziale erkennen

Frau blickt auf SeeIch glaube, vielen Menschen sind ihre wahren Potenziale nicht klar. Denn diese zu erkennen, ist meiner Erfahrung nach nicht banal und inwieweit dabei etwa einschlägige Tests helfen, entzieht sich meiner Kenntnis.
Menschen können aber bei der Suche nach Ihren eigenen Potenzialen unterstützt werden. Das geht am ehesten in einem geschützten Raum, der Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Respekt und idealerweise praktische Erprobungsmöglichkeiten umfasst.

 

In einer solchen Situation ist die Beschäftigung mit folgenden Fragen zentral:

  • Welche Tätigkeiten machen der Person am meisten Spaß?
  • Welche Aktivitäten erlebt die Person als (besonders) sinnvoll und befriedigend?
  • Was bekommt die Person besonders gut hin? Worin ist sie besonders erfolgreich?

 

Diese Fragen sollten Sie sich auf der Suche nach den eigenen Potenzialen stellen

  1. Spaß, Sinnhaftigkeit und Befriedigung sind zentrale Indikatoren für Motiviertheit.
  2. Man kann diese Indikatoren quantifizieren, in dem man etwa fragt, wie viel Spaß, Sinnhaftigkeit und Befriedigung jemand auf einer Skala zwischen 0 und 10 bei einer bestimmten Tätigkeit empfindet.

 

Die Fragen stellen einen geeigneten Einstieg dar, sich mit den persönlichen Eignungen, Wünschen und Vorstellungen auseinanderzusetzen. Ob die Person bei der Betrachtung dieser Aspekte wirklich eigene Potenziale erkennt und dabei zu tieferen Einsichten gelangt, ist aber keinesfalls gesichert.

 

Meine eigenen Potenziale jedenfalls waren mir nach dem Studium und beim Einstieg ins Berufsleben nicht bekannt. Ich wusste besser, was ich nicht wollte. Was mir wirklich liegt, hat sich erst mit der Zeit durch die praktische Beschäftigung mit verschiedenen Tätigkeiten herauskristallisiert. Dabei kam mir zugute, dass meine mich umgebenden beruflichen Umstände eben auch solche Tätigkeiten beinhalteten, die meinen Potenzialen entgegenkamen. Ob das bei jedem der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.

 

Potenziale zu kennen, bedeutet nicht, sie auch auszuschöpfen

Und sollte man in der glücklichen Lage sein, die eigenen Potenziale erkannt zu haben, so kann es immer noch Hindernisse geben, die deren Ausschöpfung erschweren oder gar unmöglich machen:

  • Angst, Unsicherheit, Selbstzweifel, Bequemlichkeit, mangelnde Risikobereitschaft, aber auch äußere Umstände können Menschen daran hindern ihre Potentiale wirklich auszuschöpfen.
  • Auch die konkreten Umstände, in denen Personen ihre Potenziale einsetzen oder einsetzen sollen, widersprechen gelegentlich den eigenen Idealen und/oder den Wertvorstellungen der restlichen Welt. Diese Widersprüche müssen ausgehalten werden, denn nicht immer ist die Entfaltung der eigenen Potenziale mit einem positiven Ergebnis verbunden. Edward Snowden ist ein prominentes Beispiel für diesen Umstand. Er hat seine Fähigkeiten eingesetzt, um Überwachungspraktiken öffentlich zu machen und muss nun isoliert in einem fremden Land ohne Familie und engere Freundschaften leben.

 

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Trainer und Coach begegnen mir immer wieder Menschen, die ihre Potenziale aus den genannten Gründen nicht wirklich nutzen. So hadern z. B. immer noch viele Frauen aus durchaus nachvollziehbaren Gründen mit Karriereangeboten, obwohl sie nicht selten besser geeignet sind als ihre männlichen Kollegen.

 

Potenziale zu erkennen, reicht nicht, man sollte auch wissen, wer sie wofür nutzt

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es sich mit der Potenzialentfaltung wie mit den zwei Seiten einer Münze verhält. Einerseits stecken in dem Versuch, unsere Talente und Fähigkeiten zu fördern, häufig konkrete Interessen bestimmter Personen, mit denen wir im privaten oder beruflichen Umfeld zu tun haben. Andererseits hat es etwas zutiefst Befriedigendes und Erfüllendes, wenn wir unsere Potenziale ausschöpfen können.

 

Es schadet also nicht, sich immer wieder zu fragen,

  • worin die Interessen des Gegenübers an meiner Potenzialentfaltung liegen,
  • was die Ergebnisse meiner Potenzialentfaltung sind,
  • welche Gründe ich selbst für die Entfaltung meiner Potenziale habe und
  • ob diese mit den Interessen anderer in diesen Zusammenhang involvierter Personen zusammengehen/übereinstimmen oder diesen widersprechen oder andere meine Potentiale gar für ihre Interessen instrumentalisieren.

 

Die Beschäftigung mit den individuellen Potenzialen ist also ein durchaus schwieriges Unterfangen. Dabei habe ich noch nicht einmal die gesellschaftliche Einbettung individueller Potenzialentfaltung in meiner Betrachtung berücksichtigt. In diesem Zusammenhang kann ich mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass viel zu viele Kinder in Deutschland unter der Armutsgrenze leben (müssen) und dass Deutschland bzgl. der Durchlässigkeit seines Bildungssystems für Kinder aus ärmeren Bevölkerungsschichten in der EU zu den Schlusslichtern gehört. Wo bleiben deren Potenziale?

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