Who the f*** is Alice? Miserable Krisenkommunikation am Beispiel von Alice Schwarzer

Alice Schwarzer hat sich über Jahrzehnte ein Image aufgebaut. Sie ist und war die Vorkämpferin für die Rechte der Frauen und ist die Symbolfigur der Emanzipation. Ihre Erfolge sind messbar und nachweisbar. Das hat sie sehr gut gemacht, weil sie stets glaubwürdig und stringent ihren Weg gegangen ist, um ihr Ziel zu erreichen. Das hat nicht jedem (Mann) geschmeckt, da sie teilweise auch sehr harsch und aggressiv ihre Themen und Argumente platziert hat. Dennoch zollen selbst Kritiker und Neider dieser Frau Respekt, unabhängig davon, ob sie Frau Schwarzer mögen und ihre Meinung teilen. Sie ist Inhaberin des Bundesverdienstkreuzes. Laut einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2013 ist Alice Schwarzer für jede vierte Frau und für jeden achten Mann ein Vorbild. Für Ihre leidenschaftliche Kampagne gegen Prostitution hatte sie in wenigen Monaten über 10.000 Unterschriften gesammelt. Wow!

 

Um es deutlich zu sagen: Diese Frau genießt ein hohes Ansehen in Deutschland. Ihr Image ist positiv, sie gilt vielen als moralische Instanz und Ihre Glaubwürdigkeit ist dabei die Bemessungsgrundlage. Bis Ende Januar – dann nahm die Geschichte eine dramatische Wendung.

 

Lassen wir die psychologische Analyse und die moralische Debatte beiseite, warum Frau Schwarzer Steuern hinterzogen hat. Zumal sie gleichzeitig öffentliche Fördermittel für ihr feministisches Archiv FrauenMediaTurm bezog hat. Die Berichterstattung lässt erst einmal darauf schließen, dass viele empört sind. Sie werfen Frau Schwarzer eine Doppelmoral vor und halten sie nicht mehr weiter für glaubwürdig. So weit, so gut.

 

Mich als Kommunikationswissenschaftler und -trainer regt inzwischen viel mehr das unprofessionelle und unsensible Krisenverhalten auf. Welcher Teufel reitet die Frau, so unreflektiert auf ihre Straftat und ihre enttäuschten Unterstützer zu reagieren. Man sollte meinen, aus der schlechten Krisenkommunikation von zum Beispiel Klaus Zumwinkel, Hartmut Mehdorn, Karl Theodor zu Guttenberg, Adolf Sauerland oder Christian Wulff hätte sich was lernen lassen. Zumal dies doch testosterongesteuerte Männer sind. Nein, Frau Schwarzer tappt ins gleiche Fettnäpfchen – und das mit beiden Beinen.

 

Aus meiner Sicht hat sie folgende Kommunikationsfehler begangen:

  1. Die Opferrolle. Ihr gravierendster Fehler. Sie sieht sich als Opfer und verkauft sich auch vehement weiter so. Kein Fingerzeig, kein Zeichen von „Ja, ich habe Mist gebaut. Ich stehe dazu.“
  2. Zorn als Reaktion. Der nächste schwere Fehler. Sie sieht sich als Opfer und startet den zornigen Gegenangriff. Es gäbe eine Prostitutionslobby, die eine Kampagne gegen sie fährt. Der Spiegel habe ihre Steuerhinterziehung illegal veröffentlicht. Und das Ganze sei ein Dammbruch für die Medien. Und es gehe um Rufmord. Alles nachzulesen auf der Homepage von Emma. Kein Fingerzeig, kein Zeichen von „Ja, ich kann verstehen, dass viele Menschen sauer und enttäuscht sind. Ja, ich kann verstehen, dass scharf geschossen wird, denn das habe ich auch immer getan.“
  3. Zweifelhafte Argumente. Sie habe das Konto in einer Zeit angelegt, in der sie darüber nachgedacht hat, wegen der Hatz gegen sie ins Ausland gehen zu müssen. Das mag sein und als Beweggrund sinnvoll erscheinen. Sich als politisch Verfolgte darzustellen, weckt als öffentliche Reaktion dennoch kein erneutes Vertrauen. Bevor solche Argumente kommen, besser keine Argumente liefern. Oder ein Fingerzeig, ein Zeichen von „Ja, ich habe Steuern hinterzogen. Ich wollte mein Geld mehren. Ich habe meinen Prominenten-Status unangemessen genutzt.“
  4. Eingeschränktes Bedauern. Ja. Alice Schwarzer zeigt Reue. „Ja, ich habe einen Fehler gemacht, ich war nachlässig.“ Leider schränkt sie ihr Bedauern danach ein und zieht damit einer Entschuldigung sofort wieder den Nährboden weg. „Aber ich habe den Fehler wieder gutgemacht.“ Ob eine Entschuldigung wirksam ist, entscheiden immer die anderen. Man kann darum bitten und darauf hoffen, entschuldet zu werden, sich aber nicht selbstherrlich die Zusage erteilen. Eine Entschuldigung und das Zeigen von Bedauern können in der Krise entscheidend sein. Es sollte aber immer uneingeschränkt wirken können.

 

Tja, wer ist denn verdammt nochmal jetzt diese Alice Schwarzer? Ich weiß es nicht. Manche behaupten, Geld mache gierig und Gier frisst Hirn. Vielleicht ist das die einfache Erklärung für eine schlechte Krisen-PR: Die Sinne sind vernebelt.

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