Meditieren im Management:
Achtsam eine Rosine essen

Ich sitze auf einer Yogamatte und noch turnen die Gedanken wie kleine Äffchen durch meinen Kopf. Sie schwingen sich von Ast zu Ast und sind hauptsächlich mit dem beschäftigt, was gestern war oder was in der Zukunft sein wird. Der Kundentermin, der morgen ansteht; das gelungene Seminar, das ich gestern durchgeführt habe und das halbe Buch, das noch unvollendet in meiner Schreibtischschublage liegt…

 

Aber das soll sich gleich ändern, denn die Aufgabe in diesem Achtsamkeitstraining besteht darin, achtsam eine Rosine zu essen. Achtsam eine Rosine essen? Das macht mich neugierig, ich bin gespannt darauf, wie das funktioniert und gleich darauf erfahre ich von der Trainerin, dass wir die Rosine mit allen Sinnen wahrnehmen sollen.

 

Die Rosine liegt auf meiner Handfläche und zunächst geht es nur darum, sie möglichst aufmerksam anzuschauen. Welche Farbe hat sie? Ist die Farbe einheitlich oder ist sie gesprenkelt? An welcher Stelle war der Stiel festgewachsen? Welche Form hat sie? Eher rund oder oval? Wie sehen die einzelnen Runzeln aus? Und während ich mir die Rosine so anschaue, registriere ich, dass die Äffchen ihre Aktivität reduziert haben.

 

Nun geht es darum, die Rosine zu hören. Ja, Sie haben richtig gelesen – die Rosine hören. Nicht etwa, dass sie zu mir spricht. Im nächsten Schritt halte ich die Rosine an mein Ohr und nehme wahr, welches Geräusch entsteht, wenn ich sie zwischen den Fingern bewege. Kaum zu glauben, aber ich kann wirklich etwas hören. Als nächstes nehme ich den Geruch der Rosine wahr und mir wird bewusst, dass sie süßlich und leicht schwefelig riecht.

 

Nun verstärken die betriebsamen Äffchen wieder ihre Aktivität, und ich werde ungeduldig. Das Ganze dauert irgendwie ganz schön lange, meine Neugierde ist erst mal befriedigt und mir ist gerade der Sinn abhanden gekommen. Wozu genau soll das nochmal gut sein? Aber es geht ja noch weiter. Nun führe ich die Rosine ganz langsam zum Mund und halte sie mit den Lippen, denn nach dem Hören ist nun das Fühlen dran. Wie fühlt sich die Rosine an? Wie ist ihre Textur? Ich nehme wahr, wie empfindsam die Haut an den Lippen ist. Die Äffchen sind wieder ruhiger geworden und erst dann zerkaue ich die Rosine im Zeitlupentempo – ganz langsam.

 

Der Selbstversuch hat mich überzeugt, denn schließlich bemerke ich einen beruhigenden Effekt. Meine Wahrnehmung scheint konzentrierter und fokussierter zu sein. Ich finde eine Bestätigung dessen, was Achtsamkeit bewirken soll.

 

Achtsamkeits-Meditation – ein Weg zur Gelassenheit in stressigen Zeiten

Das Konzept der Achtsamkeit stammt ursprünglich aus dem Buddhismus. John Kabat-Zinn, amerikanischer Professor für Medizin, hat es zu einer wirksamen Methode der Stressreduktion weiterentwickelt (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR). Bei dieser Form der Meditation werden die Teilnehmenden systematisch darin geschult, den Augenblick, den Moment achtsam wahrzunehmen – so wie er jetzt ist. Wer etwas achtsam tut, agiert im Hier und Jetzt und kann nicht darüber nachdenken, was gestern war oder morgen sein wird. Er erlebt den Moment, ohne ihn zu bewerten. Und schließlich geht es darum, eine grundlegende innere Haltung des Wohlwollens zu entwickeln.

 

Die größte Herausforderung beim Meditierenlernen sind allerdings die betriebsamen Äffchen. Unser Gehirn sendet ständig Reize aus und ein Gedanke jagt den anderen, das wiederum hält uns davon ab, im Hier und Jetzt zu sein. Es wäre nicht im Sinne der Achtsamkeit, diese Gedanken zu bekämpfen oder unbedingt loswerden zu wollen. Es geht vielmehr darum, sie geduldig zu zähmen, oder um im Bild bei den Äffchen zu bleiben, sie freundlich zu begrüßen und sie dann ziehen oder vorbeiturnen zu lassen.

 

Achtsamkeit ist wohl die am besten beforschte Form der Meditation, denn seit den 1990er Jahren belegen zahlreiche Studien, dass sie zu mehr Entspannung, Konzentration und Geduld führt. Und eine aktuelle Studie von Barbara Fredrickson, Professorin für Psychologie an der University of North Carolina, belegt, dass Menschen, die meditieren, eine Steigerung ihrer positiven Gefühle erleben, was wiederum einen Aufbau ihrer inneren Ressourcen und Kraftquellen verstärkt.

 

Und mittlerweile ist Meditation auch im Management angekommen, denn sie gilt auch hier als wirkungsvolle Methode, um den Geist klar, fokussiert und leistungsfähig zu halten. Experten gehen laut des Weiterbildungsmagazins managerseminare davon aus, dass Meditation auch zukünftig in der Wirtschaftswelt eine wichtige Rolle spielen wird, denn sie stellt eine wirksame Form der Burnout-Prophylaxe dar.

 

Unser Gehirn lässt sich trainieren wie ein Muskel und wer langfristig von Meditation profitieren will, muss, nachdem er es erlernt hat, bereit sein, regelmäßig zu üben. Das braucht ja nicht unbedingt das achtsame Essen einer Rosine sein, denn das lässt sich ja nicht so gut in den Büroalltag integrieren. Stattdessen gibt es viele Mini-Übungen und kleine Rituale, die sich gut in den Alltag integrieren lassen.

 

Achtsamkeits-Minis für den Alltag

Achtsam Auto fahren

Wenn Sie an roten Ampeln anhalten, können Sie die Zeit gut für eine Achtsamkeitsübung nutzen. Nehmen Sie Ihren Atem wahr und machen Sie sich bewusst, wie er ein- und ausströmt. Schauen Sie sich die Bäume und den Himmel an. Registrieren Sie Ihre Gedanken und lassen Sie sie anschließend vorbei ziehen.

Achtsam Treppen steigen

Dass Treppen steigen wegen der körperlichen Bewegung gesünder als Aufzug fahren ist, liegt auf der Hand – und nun können Sie auch noch etwas für Ihren Geist tun. Konzentrieren Sie sich bewusst auf die Handlung des Treppensteigens. Spüren Sie die Stufen unter ihren Füßen. Spüren Sie in Ihren Körper hinein und nehmen Sie wahr, welche Muskeln besonders aktiv sind. Wo in Ihrem Körper spüren Sie Anstrengung? Und wo Leichtigkeit?

Achtsam den Tag beginnen

Setzen Sie sich, bevor Sie aufstehen, auf die Bettkante und nehmen Sie die aufrechte Haltung Ihres Körpers bewusst wahr. Horchen Sie in sich hinein und lassen Sie die ersten Gedanken des Tages bewusst aufziehen. Vielleicht gibt es auch noch eine Erinnerung an Träume der letzten Nacht. Spüren Sie in Ihren Körper hinein. Welche Stellen des Körpers fühlen sich noch müde an und welche Stellen sind schon ganz wach? Nehmen Sie all dies zur Kenntnis, ohne etwas verändern zu wollen, sondern mit Akzeptanz. So ist es jetzt.

Tägliche Achtsamkeit

Versuchen Sie zunächst dreimal am Tag drei Minuten ganz achtsam zu sein. Nehmen Sie dann bewusst wahr, was jetzt gerade ist. Hören Sie den Regen, wie er an die Fensterscheiben klopft, oder lauschen Sie dem Vogelgezwitscher oder nehmen Sie unterschiedlichen Grüntöne draußen in der Natur bewusst war.

Kommentare

  1. Ja Rosinen essen – diese Übung wende ich manchmal in meinen Seminaren an. An den Teilnehmerinnen und Teilnehmer bemerke ich folgende Veränderungen: die Mimik hat sich verändert, Hautfarbe im Gesicht – rosiger, Körperhaltung wirkt auf mich entspannt, die Stimme ruhiger, die Augen strahlender und weiter geöffnet. Eine „kleine Übung“ mit großer Wirkung. Machen Sie doch mit – und essen mit mir eine Rosine. Für alle die, die keine Rosinen mögen – anderes Trockenobst ist auch wunderbar. Ich wünsche Ihnen Achtsamkeit in ihrem täglichen Umgang.

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