Warum man sich hin und wieder von etwas trennen sollte

Für viele meiner Kollegen gehört die Zigarette draußen vor dem Eingang unseres Unternehmens zum festen kollegialen Ritual; für mich ist es der Blick in den Kühlschrank, wenn ich gegen Mittag nach Hause komme. Weder der Weg zur Arbeit noch die Wahl des Bäckers werden bei den meisten meiner Bekannten jedes Mal neu überlegt. Gewohnheiten geben Sicherheit und entlasten das Gehirn. Sie lassen ihm damit Kapazitäten für die wirklich wichtigen Prozesse, bei denen schnell „geschaltet“ werden muss.


Alltägliche Routinen sind ja auch durchaus nützlich, aber wie viele (An-)Gewohnheiten gibt es, derer man sich wirklich gern entledigen würde, weil sie stören (Fingernägelkauen, zwischendurch Süßigkeiten essen, zu langes Fernsehen statt Bewegung, …)? Allein schon deshalb, weil man beim Begehen von ausgetretenen Wegen selten Eigenschaften wie Neugier, Spontaneität und Achtsamkeit ausbildet und sich damit der eigenen kreativen Quellen beraubt.

 

In der letzten Ausgabe der ZEIT WISSEN (Ausgabe 2/13: Mach es anders!) wurde in diesem Zusammenhang von irischen Managern berichtet, die eine solche gravierende Gewohnheitsänderung ihrer Mitarbeiter initiiert haben. Denn obwohl das Wetter in Irland regelmäßig unwirtlich ist, fahren diese jetzt trotzdem regelmäßig mit dem Fahrrad anstatt dem Auto zur Arbeit.

 

Zwar war ursprünglich ein Wettbewerb im Rahmen eines „Earth Day“ ausgeschrieben, bei dem 3erTeams Punkte dafür erhielten, wenn sie das Auto zu Hause stehen ließen und sich mit dem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit machten. Relativ schnell stand jedoch nicht mehr der mögliche Gewinn einer Reise im Vordergrund sondern der soziale Austausch, den die Manager losgetreten hatten. Über die verschiedenen Flure hinweg wurde über die Erlebnisse zwischen Pfützen und effizienterem Vorwärtskommen ohne Stau gefachsimpelt. Diejenigen, die sich besonders oft aufs Rad schwangen, bekamen besonders viel Anerkennung. Im Ergebnis wurde es „in“, fahrradfahrend zur Arbeit zu kommen. Und auf diese Weise wurde aus der ursprünglich einmaligen Aktion in dieser Firma ein Selbstläufer und der Wettbewerb unwichtig. Die Manager hatten ihr Ziel dauerhaft mehr als erreicht: Ein grüneres Image und vitaleres Personal.

 

Etwas anders zu machen als bisher kann nicht von „oben herab“ (im Beruflichen) oder von Dritten (im Privaten) befohlen werden. Es muss aus eigenem Antrieb heraus geschehen. Die Impulse dafür kommen oft ungesteuert – ob nun aus Zugzwang oder einfach so. Auf jeden Fall zahlt es sich aus, denn die daraus resultierenden neuen Wege sind oftmals gar nicht vorhersehbar. Sie öffnen aber Perspektiven, auf die man ohne weiteres gar nicht gestoßen wäre: Zum Beispiel Zeit für ein paar Gymnastikübungen oder ein kleines Frühstück, wenn man morgens fünf Minuten früher aufsteht als bisher …

 

Und es lohnt sich doch immer, die Welt einmal wieder mit anderen Augen zu sehen.

Oder?

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