„Schlagfertigkeit wird auf Körperebene entschieden.“

Ein Interview über weibliche Selbstbehauptung in einer männerdominerten Arbeitswelt

Die Stellung der Frau in der Arbeitswelt wird gerade sehr stark diskutiert. Frauen sind in verantwortlichen Positionen oder bestimmten Bereichen wie Technik und Naturwissenschaften unterrepräsentiert. Frauenquoten sollen helfen. Glauben Sie an den Erfolg?

Oliver Dreber: Frauenquoten sind sicherlich ein Mittel, um bestimmte starre Strukturen aufzubrechen. Es muss aber jedem klar sein, dass es sich dabei um eine Top-Down-Methodik handelt, die alleine nicht nachhaltig wirken kann. Zusätzlich nötig ist ein Bottom-Up-Verfahren, welches maßgeblich von Frauen gestaltet wird.

 

Wie muss das aussehen?

Ich halte da sehr viel vom Thema Empowerment. Wir brauchen ein weibliches Bewusstsein der Selbstermächtigung. Frauen brauchen Klarheit darüber, dass sie durch ihr Handeln die Unternehmenskultur, Rollenbilder und das Selbstverständnis von Frauen im Unternehmen beeinflussen können. Unabhängig von der Frage des Geschlechts wünsche ich mir aber eine Arbeitswelt, in der bestimmte Positionen und Aufgaben von Personen wahrgenommen werden, die dafür am geeignetsten sind.

 

Was verstehen Sie unter der Selbstermächtigung der Frau?

Wir müssen aufpassen, dass wir durch unsere öffentlich geführten Diskussionen Frauen nicht in einer Opferrolle festschreiben. Das heißt für mich auch, dass Frauen die Dinge selbst in die Hand nehmen und nicht sagen, die „Anderen“ müssen etwas machen. Ich glaube nicht, dass es richtig ist, wenn Betriebsrat, Geschäftsführung oder Politik etwas anstoßen, damit Frauen sich beruflich erfüllen. Menschen sollten die Verantwortung für ihre persönliche Entwicklung nicht nach außen verlagern.

 

Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren?

Frauen müssen für sich selbst klar definieren, was sie erreichen wollen. Will ich Karriere? Ja oder nein. Will ich Kinder? Ja oder Nein? Will ich beides miteinander kombinieren? Ja oder nein? Diese Fragen müssen gestellt und beantwortet werden. Und dann muss daraus Handeln entstehen.

 

Das ist wahrscheinlich der schwierige Teil. Konsequent seine Vorstellung umzusetzen und sich nicht von anderen in Zweifel treiben lassen.

Aus meiner Beobachtung heraus, sind Frauen stärker im Denken verhaftet. Sie wägen ab, agieren vorausschauend und sind dabei sehr verkopft. Wenn Männer Ihre Interessen vertreten, kommen ganz andere Verhaltensweisen und Einstellungen zum Vorschein als bei Frauen.

 

Wie meinen Sie das?

In Politik und Unternehmen zeigt sich oft, dass sich Macht nicht freiwillig teilt. Sie muss genommen werden. Männer arbeiten da sehr viel stärker mit Ihrer Körperlichkeit. Das kann auf Frauen befremdlich wirken.

 

Haben Sie ein Beispiel?

Das kann schon eine kleine verbale Auseinandersetzung sein, in der die Frau das Gefühl hat, sich für einen Sachverhalt rechtfertigen zu müssen. Bestimmte Männertypen sind da, oft auch unbewusst, etwas grobschlächtig. In so einer Situation hilft die Checkliste mit den einhundert besten Erwiderungen selten.

 

Sondern?

Schlagfertigkeit wird auf der Körperebene entschieden, das verrät der Begriff schon selbst. Möchte die Frau einen verbalen Angriff erwidern, muss sie zum Schlag fertig sein. Und das nicht nur auf der rhetorischen Ebene.

 

Welcher Aspekt stellt dabei die größte Herausforderung für Frauen dar?

Bei vielen Frauen wirken Glaubenssätze und Verhaltensmuster, die sie in ihrer Körperlichkeit hemmen. Frauen bringen oft nicht die mentale und körperliche Haltung auf, schlagfertig sein zu wollen.

 

Und das kann man trainieren?

Ja, in meinen Workshops simulieren wir solche Reizsituationen. Wir identifizieren Antreiber und Hemmer und schauen uns an, wie sie die eigene innere und äußere Haltung beeinflussen. Ein großer Anteil nimmt dabei das körperliche Erfahren ein. Das ist herausfordernd. Aber nur so können Frauen ein Gespür für eine souveräne Reaktion entwickeln.

 

Ist es als Mann nicht schwierig diese sensiblen Themen mit Frauen zu bearbeiten?

Es gibt natürlich Vorurteile. Aber wir reden hier über die Frage, wie Frauen sich in männlich-dominierten Arbeitswelten behaupten können. Wer kann das besser beantworten als ein Mann? Und nicht zu vergessen ist, dass es jeder Frau offen steht, dieses Angebot wahrzunehmen oder eben nicht.

 

Vielen Dank.

Oliver Dreber, Trainer im Auftrag des imeOliver Dreber, Dipl.Oec. und Karate-Lehrer ist Trainer für Selbstbehauptung, Selbstverteidigung und Gewaltprävention. Mit seinem Embodiment-Ansatz „Raus aus dem Kopf, rein in den Körper“ unterstützt er Unternehmen insbesondere bei der Förderung und Entwicklung weiblicher Fach- und Führungskräften. Für das ime bietet er die Workshops „Selbstbehauptung in klassischen Männerdomänen“ und „Führen ohne perfekt zu sein“ an.

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