„Wer Stress am Arbeitsplatz reduzieren will, benötigt die Fähigkeit zur Selbststeuerung“

Hartmut Rosa, Professor für Soziologie an der Uni Jena hat kürzlich in einem Interview geäußert, dass es nicht die Arbeitsbelastung ist, die krank macht, sondern die unerreichbaren Zielhorizonte. Das Gefühl, dass die heutige Leistung morgen nicht einmal mehr reichen wird, um das Niveau zu halten, löst die heute beobachtbaren Formen von Erschöpfung, Stress und Burnout aus.

Heidrun Vössing: Ja, unerreichbare Zielhorizonte sind in der Tat ein Stressfaktor. Aber nicht nur. Aus der Stressforschung wissen wir, dass es noch andere wesentliche Belastungsfaktoren gibt, die auf Dauer krank machen.

 

Welche Faktoren haben den größten Einfluss?

Dies sind vor allem das gleichzeitige Erledigen verschiedener Aufgaben, geringe Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Arbeitsabläufe sowie fehlende Belohnung, Wertschätzung und Anerkennung.

 

Wird Stress am Arbeitsplatz also hauptsächlich von äußeren Aspekten hervorgerufen?

Nicht nur. Man kann zwischen äußeren und inneren Belastungsfaktoren unterscheiden. So können beispielsweise zu hohe Ziele von außen vorgeben sein oder auch selbst definiert werden.

 

Welche Stellhebel beeinflussen das persönliche Stressempfinden noch?

Die Stressforschung betrachtet neben den Risikofaktoren mittlerweile auch die äußeren und inneren Schutzfaktoren. Ein kollegiales Team ist beispielsweise ein äußerer Schutzfaktor. Und die neurobiologische Forschung zeigt, dass innere Beweggründe, wie Sinnhaftigkeit, eigene Ziele und Freude an der Aufgabe, Gesundheit erhalten. Arbeit kann abhängig von ihrer Beschaffenheit beides – sie kann uns erfüllen und glücklich machen oder eben auch krank. Unternehmer beeinflussen beides und können Belastungsfaktoren ab- und Schutzfaktoren aufbauen.

 

Das große Zukunftsversprechen der Digitalisierung liegt in der Automatisierung. Maschinen übernehmen stupide, sich ständig wiederholende menschliche Arbeiten. Die Diskussion um eine hohe Arbeitsbelastung flammt aber immer wieder auf.

Ich vermute, dass sich in der digitalen Arbeitswelt das erlebte Maß an eigener Kontrolle verringert hat. Wir sind angehalten, die verschiedenen Prozesse parallel zu beobachten, zu begleiten und zu steuern. Dies erfordert, im Gegensatz zur Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe, eine breit gestreute Aufmerksamkeit. Bei manchen Menschen führt das zu Stress und Erschöpfung.

 

Wie können wir mit dieser veränderten Anforderung umgehen?

Durch Achtsamkeitsmeditation können wir wieder lernen unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren und zu steuern. Außerdem halte ich es für besonders wichtig, dass Menschen ihre Fähigkeit der Selbststeuerung stärken. Es geht darum den fremdgesteuerten Modus zu reduzieren und den proaktiven Modus auszubauen.

 

Was meinst du damit genau?

Wer sein Handeln als fremdgesteuert erlebt, fühlt sich wie ein Hamster im Rad. Wir reagieren nur noch auf Anforderungen von außen. Dabei geht es dann gerade nicht um eigene Ziele. Im proaktiven Modus orientieren wir uns an dem, was uns wichtig ist. Zudem ist es wichtig zu unterscheiden, was ich beeinflussen kann und was nicht.

 

Wie geht man dabei vor?

Zunächst hilft es, die individuelle Situation zu analysieren und sich Klarheit darüber zu verschaffen, welche Aspekte einer Situation beeinflussbar sind. Darauf konzentriere ich meine Veränderungsanstrengungen. Für Aspekte, die ich nicht beeinflussen kann, entwickle ich eine Akzeptanzhaltung.

 

Hast du ein Beispiel?

Ostern 2018 klagten viele wegen der Kälte und des Regens über das schlechte Wetter. Von einer Kollegin erhielt ich zu dieser Zeit einen Newsletter, in dem sie unter anderem auf ein interessantes Fachbuch hinwies. Ihrer Empfehlung, das schlechte Wetter zu nutzen, um ein gutes Buch zu lesen, bin ich gefolgt. Ich habe zwar keinen Einfluss auf das Wetter, aber ich kann die Umstände so gestalten, dass sie mich nicht belasten. Diese Unterscheidung in der modernen Arbeitswelt zu treffen, ist dahingegen nicht immer einfach. Am schwierigsten ist es für viele Menschen zu akzeptieren, dass wir weder die Kolleginnen und Kollegen noch die Chefin oder den Chef ändern können.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

Heidrun Vössing, Trainerin im Auftrag des imeHeidrun Vössing ist Lehrtrainerin, Lehrcoach (DVNLP) und Expertin für die Themen Persönlichkeitsentwicklung und Führung. Für das ime bietet Sie unter anderem die Seminare „Individuelles Stressmanagement“ und das „Resilienztraining“ an. Zur Vertiefung des Themas empfiehlt sie allen Lesern das Buch „Arbeit“ von Joachim Bauer, welches eine brillante Analyse der modernen Arbeitswelt mit ihren Herausforderungen darstellt.

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