Johannes Buhr im Gespräch mit Marion Schopen

Menschen im ime

Die Menschen hinter Beratung, Training und Personalentwicklung

Mit Johannes Buhr verstärkt zum 1. August 2026 ein erfahrener Unternehmer, Geschäftsführer, Berater und Trainer die Geschäftsleitung des ime.

Seine Themen sind Führung, Management, Vertrieb und die Begleitung von Unternehmen in Veränderungsprozessen. Viele unserer Kunden werden ihn künftig in Beratungsprojekten, Workshops oder als Moderator kennenlernen.

Mit unserer Interviewreihe „Menschen im ime“ stellen wir Ihnen die Persönlichkeiten vor, die unser Unternehmen mit ihrer Erfahrung, ihrer Haltung und ihrer Leidenschaft für Entwicklung prägen. Nicht über Lebensläufe oder Organigramme – sondern im persönlichen Gespräch.

Ich habe Johannes auf unser rotes ime-Sofa eingeladen. Herausgekommen ist ein Gespräch über Führung, Verantwortung, Zusammenarbeit und die Frage, warum gute Entwicklung immer bei den Menschen beginnt.

01 · Persönlich

Persönlich gefragt

Marion Bevor wir über Führung, Unternehmen und das ime sprechen, starten wir ganz locker. Vielleicht erfahre ich ja sogar noch etwas Neues über dich …

Welche drei Begriffe beschreiben dich am besten?

Neugierig, pragmatisch und ziemlich hartnäckig. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, bleibe ich gerne dran.

Was bringt dich zuverlässig zum Lachen?

Situationskomik. Und Menschen, die über sich selbst lachen können. Das mag ich sehr.

Womit beginnt für dich ein richtig guter Arbeitstag?

Mit Kaffee – definitiv. Und danach am liebsten mit einem Gespräch, bei dem man merkt: Heute können wir wirklich etwas bewegen.

Berge oder Meer – und warum?

Ganz klar: Meer. Ich segle leidenschaftlich gern. Auf dem Wasser bekomme ich den Kopf frei – und gleichzeitig fordert Segeln volle Aufmerksamkeit. Wind, Wetter und Kurs lassen sich eben nicht komplett planen. Vielleicht gefällt mir genau das daran.

Und wo liegen deine Talente eindeutig nicht?

Beim Thema Gartenarbeit habe ich definitiv zwei linke Hände. Einen grünen Daumen sucht man bei mir vergeblich. Dafür sitze ich umso lieber mit netten Menschen in einem schönen Garten – am besten, wenn sich vorher jemand anderes um die Gartenarbeit gekümmert hat.

02 · Stationen

Was Johannes geprägt hat

Marion Wir kennen uns inzwischen schon eine ganze Weile. Wenn ich auf deinen beruflichen Weg schaue, ist der alles andere als geradlinig: Beratung, Unternehmertum, Geschäftsführung, Interims-Management, Training und heute sogar ein Lehrauftrag. Was davon hat dich besonders geprägt?

Wenn du auf diese unterschiedlichen Stationen zurückblickst: Was hast du daraus für dich mitgenommen?

Eigentlich weniger eine einzelne Station als die unterschiedlichen Perspektiven, die ich kennenlernen durfte. Ich war Berater, Unternehmer und Geschäftsführer, habe Unternehmen aufgebaut und verkauft und als Interims-Manager Verantwortung in ganz unterschiedlichen Situationen übernommen. Dabei habe ich gelernt, dass Konzepte wichtig sind – am Ende aber immer Menschen darüber entscheiden, ob etwas funktioniert.

Du kennst Führung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven – als Geschäftsführer und Unternehmer, aber auch als Trainer und Berater. Wie hat das dein Verständnis von Führung geprägt?

Sehr stark. Für mich gilt bei Führung ganz klar: „Walk the Talk“. Wer selbst als Geschäftsführer Verantwortung trägt, weiß, dass man Entscheidungen treffen und anschließend auch mit deren Konsequenzen leben muss. Ich habe viele Führungssituationen selbst erlebt und weiß deshalb, dass sich nicht alles, was in der Theorie gut klingt, im Alltag genauso einfach umsetzen lässt.

Diese Erfahrung prägt auch meine Arbeit als Trainer und Berater: aus der Praxis für die Praxis. Mir geht es nicht darum, Führungskräften zu erklären, wie Führung theoretisch funktionieren sollte. Entscheidend ist, was im konkreten Führungsalltag tatsächlich funktioniert – gerade dann, wenn es keine perfekte Lösung gibt.

Irgendwann ist neben dem Unternehmer und Geschäftsführer der Trainer Johannes immer stärker geworden. Was hat dich daran gereizt?

Mich hat schon immer interessiert, warum Menschen so handeln, wie sie handeln – und was ihnen hilft, weiterzukommmen. Im Training kann ich meine eigenen Erfahrungen weitergeben, aber genauso wichtig ist mir der Austausch. Ich möchte Menschen nicht erzählen, wie Führung funktioniert. Spannend wird es für mich dann, wenn jemand einen Gedanken aufgreift, ihn auf seine eigene Situation überträgt und daraus etwas Eigenes macht.

Seit einigen Jahren gibst du deine Erfahrungen auch als Lehrbeauftragter für Mitarbeiterführung an der TH OWL weiter. Was gefällt dir daran?

Der Austausch mit jungen Menschen hält auch mich in Bewegung. Sie stellen andere Fragen, hinterfragen vieles sehr selbstverständlich und haben einen anderen Blick auf Arbeit und Führung. Das finde ich bereichernd.

Gleichzeitig gefällt mir die Möglichkeit, Erfahrungen aus der Praxis in die Theorie einzubringen. Vieles, was Führung ausmacht, lässt sich eben nicht nur aus Lehrbüchern lernen. Wenn wir konkrete Erfahrungen diskutieren, Theorie und Praxis miteinander verbinden und daraus neue Perspektiven entstehen, profitieren am Ende beide Seiten davon.

03 · Führung

Warum gute Führung heute wichtiger denn je ist

Marion Du hast selbst Unternehmen geführt, Teams aufgebaut und über viele Jahre Führungskräfte begleitet. Deshalb interessiert mich deine ganz persönliche Sicht: Was verändert sich gerade – und was bedeutet das für Führung?

Welche Entwicklungen beschäftigen Unternehmen derzeit besonders?

Viele Unternehmen müssen gerade mehrere Veränderungen gleichzeitig bewältigen. Märkte verändern sich, wirtschaftlicher Druck nimmt zu, KI eröffnet neue Möglichkeiten und gleichzeitig verändern sich die Erwartungen der Mitarbeitenden. Für Führungskräfte bedeutet das: Sie müssen Orientierung geben, obwohl sie selbst längst nicht auf alles eine Antwort haben können.

Ich glaube, genau darin liegt eine der großen Veränderungen. Führung bedeutet heute weniger, alles besser zu wissen. Es geht stärker darum, gute Entscheidungen zu ermöglichen und Menschen auch in unsicheren Situationen handlungsfähig zu machen.

Führung bedeutet für mich nicht, alle Antworten zu kennen – sondern Orientierung zu geben und Menschen zu befähigen, gute Entscheidungen zu treffen.

Johannes Buhr

Welche Herausforderungen begegnen dir bei Führungskräften immer wieder?

Führung ist anspruchsvoller geworden. Früher waren Rollen, Zuständigkeiten und Erwartungen häufig klarer definiert. Heute müssen Führungskräfte mehr abstimmen, unterschiedliche Erwartungen zusammenbringen und Orientierung geben, obwohl sie selbst nicht auf alles eine eindeutige Antwort haben.

Gleichzeitig wird das vermeintlich dominante Tagesgeschäft schnell zum Argument: „Dafür fehlt mir gerade die Zeit – und dann stehen auch noch die Mitarbeitergespräche an.“

Genau da liegt für mich ein Denkfehler. Führung ist keine zusätzliche Aufgabe, die man erledigt, wenn das operative Geschäft es zulässt. Sie ist Teil des Tagesgeschäfts. Die Herausforderung besteht deshalb weniger darin, mehr Zeit für Führung zu finden, sondern ihr die notwendige Priorität zu geben.

Was macht aus deiner Sicht gute Führung und gute Zusammenarbeit aus?

Klarheit und Vertrauen. Für mich gehört beides zusammen. Menschen müssen wissen, woran sie sind, was von ihnen erwartet wird und welchen Handlungsspielraum sie haben. Gleichzeitig brauchen sie das Vertrauen, diesen Spielraum auch wirklich nutzen zu dürfen.

Gute Führung heißt für mich deshalb nicht, Menschen möglichst eng zu steuern. Sie schafft einen Rahmen, in dem Menschen Verantwortung übernehmen und gute Arbeit leisten können. Und dazu gehört auch, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und Konflikte nicht unter den Teppich zu kehren.

Welche Eigenschaften werden Führungskräfte in Zukunft noch stärker brauchen?

Für mich wird vor allem Mut immer wichtiger – der Mut, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen werden fast immer unter Unsicherheit getroffen. Wir haben heute zwar Zugriff auf mehr Informationen, Daten und inzwischen auch KI als jemals zuvor. Aber das nimmt Führungskräften die Verantwortung für Entscheidungen nicht ab.

Was ich häufig erlebe: Es wird noch eine Runde diskutiert, noch eine Analyse gemacht und noch jemand gefragt – statt irgendwann eine Entscheidung zu treffen. Natürlich braucht es dafür Urteilsvermögen, Neugier und die Bereitschaft, die eigene Sicht zu hinterfragen. Aber irgendwann muss man entscheiden und Verantwortung dafür übernehmen.

Und bei allem technologischen Fortschritt bleibt für mich etwas sehr Menschliches entscheidend: zuhören, verstehen, klar kommunizieren und Beziehungen gestalten. Auch das gehört für mich zu guter Führung – und lässt sich nicht einfach an ein Tool delegieren.

Johannes Buhr und Marion Schopen während des Interviews
Im Gespräch Über Führung, Verantwortung und unternehmerisches Denken
04 · ime

Warum ime?

Marion Jetzt interessiert mich natürlich noch, warum wir heute eigentlich gemeinsam hier auf unserem roten Sofa sitzen.

Als die Idee entstand, dass du beim ime einsteigen könntest – was hat dich daran gereizt?

Spannend war für mich vor allem die Möglichkeit, zwei Dinge miteinander zu verbinden, die meinen beruflichen Weg schon lange prägen: Training und Unternehmertum.

Ich arbeite sehr gerne als Trainer und begleite Menschen und Führungskräfte in ihrer Entwicklung. Gleichzeitig bin ich Unternehmer, möchte gestalten, Verantwortung übernehmen und Dinge weiterentwickeln. Im ime habe ich die Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden – als Trainer weiterhin nah an den Menschen und ihren Themen zu sein und gleichzeitig unternehmerische Verantwortung zu übernehmen und das Unternehmen weiterzuentwickeln.

Was hat dich in den ersten Wochen besonders positiv überrascht?

Mich hat vor allem beeindruckt, wie gut das Team aufgestellt ist und wie professionell hier gearbeitet wird. Das ime ist gleichzeitig sehr vielfältig – bei den Themen, den Formaten und auch bei den Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Für mich ist das eine starke Basis. Es gibt viel Erfahrung und gewachsene Kundenbeziehungen, gleichzeitig aber auch Offenheit für neue Ideen und Weiterentwicklung. Das sind aus meiner Sicht sehr gute Voraussetzungen, um das ime erfolgreich in die Zukunft zu führen.

Wo möchtest du gemeinsam mit dem ime in den nächsten Jahren Akzente setzen?

Da gibt es einige Themen, die ich spannend finde. Ein wichtiger Punkt ist für mich, unsere Trainer, Coaches, Moderatoren und Berater noch enger an das ime zu binden. Sie prägen mit ihrer Erfahrung und ihren unterschiedlichen Perspektiven ganz wesentlich die Qualität unserer Arbeit. Diese Community möchte ich weiter stärken und noch stärker mit dem verbinden, wofür das ime steht.

Ein zweiter Punkt ist die stärkere Verzahnung unserer Angebote. Inhouse-Programme, offene Seminare und Coachings müssen nicht nebeneinanderstehen. Wenn wir sie sinnvoll miteinander kombinieren, können daraus passgenaue Entwicklungswege für unsere Kunden entstehen.

Und langfristig möchte ich, dass das ime für seine Kunden das bleibt, was es heute schon für viele ist: ein verlässlicher Partner für Personal- und Führungskräfteentwicklung, der die Unternehmen und ihre Herausforderungen kennt und sie über viele Jahre begleitet.

05 · Kurz gefragt

Drei schnelle Fragen

01

Welches Buch würdest du verschenken?

Darf ich auch drei nennen? „Der Alchimist“ von Paulo Coelho, „1.200 Tage Samstag“ – natürlich ein Segelbuch – und „Professionelle Gesprächsführung“. Drei ziemlich unterschiedliche Bücher, aber vielleicht passt genau das ganz gut zu mir.

02

Welche Eigenschaft schätzt du an anderen Menschen besonders?

Ich mag Menschen, die Professionalität mit einer gewissen Leichtigkeit verbinden. Die ihre Sache ernst nehmen, aber sich selbst nicht immer zu ernst nehmen müssen – und auch mal über sich selbst lachen können. Loyalität ist mir ebenfalls wichtig. Und ich schätze Menschen, die neugierig und aufgeschlossen bleiben und Lust auf neue Perspektiven haben.

03

Welcher Satz begleitet dich beruflich?

„Aus der Praxis für die Praxis.“ Das zieht sich eigentlich durch meinen gesamten beruflichen Weg – und beschreibt bis heute ziemlich gut, wie ich arbeiten möchte.

06 · Ausblick

Blick nach vorne

Marion Wenn du auf die kommenden Monate schaust – worauf freust du dich am meisten?

Ganz klar auf die Zusammenarbeit mit dir, Marion, und mit dem gesamten ime-Team. Wir haben in den ersten Wochen schon viele gute Gespräche geführt und ich freue mich darauf, gemeinsam Dinge anzupacken und weiterzuentwickeln.

Und natürlich freue ich mich darauf, unsere Kunden noch besser kennenzulernen – langjährige ime-Kunden genauso wie neue. Zu verstehen, was sie beschäftigt, welche Herausforderungen sie sehen und wo wir sie unterstützen können, darauf habe ich wirklich Lust.

07 · Zum Schluss

Die rote Sofa-Frage

Marion Zum Abschluss bekommt jeder Gast auf unserem roten Sofa dieselbe Frage: Welche Frage hätte ich dir heute unbedingt noch stellen sollen?
Johannes

Vielleicht: „Was machst du eigentlich, wenn du nicht arbeitest?“

Marion

Gut, dann stelle ich sie dir jetzt: Was machst du, wenn du nicht arbeitest?

Johannes

Ich spiele zum Beispiel Klavier – allerdings längst nicht so gut, wie ich gerne würde. Deshalb ist mein Publikum auch sehr ausgewählt: Mein Klavierlehrer darf zuhören und unsere seniorige Hündin. Die beiden sind geduldig mit mir.

Und wenn ich abends am Klavier sitze, vielleicht noch ein Glas Rotwein dabei – dann geht es mir ziemlich gut.

Nachklapp

Drei Gedanken, die aus unserem Gespräch bleiben

Nach meinem Gespräch mit Johannes sind mir besonders drei Dinge in Erinnerung geblieben:

  1. Gute Führung braucht Mut – vor allem den Mut, auch unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen.
  2. „Walk the Talk“ beschreibt Johannes‘ Verständnis von Führung ziemlich gut: nicht nur darüber sprechen, wie gute Führung funktionieren sollte, sondern selbst Verantwortung übernehmen und vorleben, was man von anderen erwartet.
  3. Unternehmertum und die Entwicklung von Menschen gehören für ihn zusammen: gestalten, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig nah an den Menschen und ihren Herausforderungen bleiben.

Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit mit Johannes – im ime, mit unserem Team und natürlich gemeinsam mit unseren Kunden. Und darauf, zu sehen, welche neuen Ideen dabei entstehen.

Über die Autorin

Marion Schopen

Geschäftsführerin des ime · Trainerin, Beraterin und Coach

Marion Schopen begleitet seit vielen Jahren Führungskräfte und Unternehmen in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen unter anderem in Führung, Mentoring, Moderation und Personalentwicklung. Für die Reihe „Menschen im ime“ führt sie persönliche Gespräche mit den Menschen, die das ime prägen.

Zur Person
Johannes Buhr

Über Johannes Buhr

Johannes Buhr verstärkt seit August 2026 die Geschäftsleitung des ime. Als Unternehmer, Geschäftsführer, Berater und Trainer begleitet er Unternehmen bei Fragen rund um Führung, Management, Vertrieb und Veränderungsprozesse. Seine langjährige Erfahrung aus unterschiedlichen Führungsrollen bringt er heute in Beratungsprojekte, Workshops und Entwicklungsprogramme ein.


Seine Schwerpunkte
  • Führungskräfteentwicklung
  • Leadership
  • Management
  • Vertrieb
  • Organisationsentwicklung
  • Moderation von Workshops und Strategieprozessen

Menschen im ime: Frank Postina im Gespräch

Im nächsten Teil unserer Reihe lernen Sie Frank Postina kennen. Als Leiter Vertrieb und Kundenentwicklung spricht er über erfolgreiche Kundenbeziehungen, Verhandlungsführung und darüber, warum Vertrauen im Vertrieb der entscheidende Erfolgsfaktor ist.

KI als Open World: Warum Orientierung zur entscheidenden Kompetenz wird

KI-Kompetenz · Personalentwicklung · AI Literacy

KI eröffnet eine neue Welt. Aber wer sich darin bewegen will, braucht mehr als ein paar gute Prompts.

Künstliche Intelligenz ist aus vielen Arbeitsbereichen kaum noch wegzudenken. Sie beschleunigt Aufgaben, schafft neue Möglichkeiten und kann enorm unterstützen. Gleichzeitig steigt die Anforderung an uns Menschen: Wir müssen einordnen können, wann KI hilft, wie wir sie sinnvoll einsetzen und wann unser eigenes Wissen und unsere Urteilskraft gefragt sind.

Ein persönlicher und sozialwissenschaftlicher Blick auf KI-Kompetenz, Orientierung und die Frage, was Mitarbeitende heute wirklich lernen müssen.

KI ist für mich aus dem Arbeitsalltag kaum noch wegzudenken. Das heißt aber nicht, dass sie uns das Denken abnehmen sollte.

Ich nutze KI selbst regelmäßig. Bei Recherchen, beim Strukturieren von Gedanken, für erste Ideen und bei vielen Aufgaben, die sich dadurch deutlich schneller vorbereiten lassen. Die Unterstützung, die heute möglich ist, finde ich enorm.

Für mich steht deshalb außer Frage, dass künstliche Intelligenz bleiben und unseren Arbeitsalltag weiter verändern wird.

Gleichzeitig bedeutet mehr KI für mich nicht automatisch weniger eigenes Know-how. Eher im Gegenteil: Je leistungsfähiger die Systeme werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, ihre Ergebnisse einzuordnen.

Denn eine Antwort kann überzeugend formuliert sein und trotzdem falsch, unvollständig oder für die konkrete Situation ungeeignet sein. KI-Kompetenz beginnt deshalb für mich nicht bei der Frage, wie viel Arbeit ich an ein System abgeben kann. Sie beginnt bei der Frage, ob ich beurteilen kann, was mit dem Ergebnis passiert.

Die Open World

Die Möglichkeiten werden größer. Die Orientierung wird schwieriger.

Vielleicht liegt genau darin eine der größten KI-Kompetenzlücken unserer Zeit.

Manchmal erinnert mich der heutige Umgang mit KI an eine Open World. Es gibt plötzlich unzählige Möglichkeiten, Werkzeuge und Wege. Niemand schreibt uns für jede Situation vor, welchen davon wir nehmen sollen.

Genau diese Freiheit macht KI so faszinierend. Und genau sie macht Orientierung so wichtig.

Orientierung wird selbst zur Kompetenz

Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: „Kann ich KI bedienen?“ sondern zunehmend: „Kann ich entscheiden, wie ich sie sinnvoll einsetze?“

01
Was kann ich mit KI sinnvoll machen?
Nicht alles, was technisch möglich ist, verbessert automatisch die Qualität oder Effizienz einer Aufgabe.
02
Wo hilft sie mir tatsächlich?
KI-Kompetenz bedeutet auch, geeignete Einsatzfelder von Aufgaben zu unterscheiden, bei denen menschliches Arbeiten sinnvoller bleibt.
03
Wann muss ich ein Ergebnis hinterfragen?
Je relevanter ein Ergebnis für Kunden, Mitarbeitende oder Entscheidungen wird, desto wichtiger werden fachliche Prüfung und menschliche Kontrolle.
04
Wann sollte ich bewusst auf KI verzichten?
Verantwortungsvolle Nutzung bedeutet nicht, möglichst viel mit KI zu erledigen, sondern die Grenzen des sinnvollen Einsatzes zu erkennen.

Fachwissen verliert durch KI nicht an Bedeutung

Eine verbreitete Vorstellung ist, dass eigenes Wissen künftig weniger wichtig wird, weil KI beinahe jede Frage beantworten kann. Ich sehe eher das Gegenteil.

Wer selbst wenig über ein Thema weiß, kann schwer einschätzen, ob eine Antwort fachlich gut ist. Fehler können plausibel formuliert sein. Zusammenhänge können fehlen. Quellen können problematisch sein. Eine vorgeschlagene Lösung kann logisch wirken und trotzdem nicht zur konkreten Situation passen.

KI kann Wissen erweitern, Zugänge erleichtern und Arbeit erheblich beschleunigen. Sie ersetzt aber nicht automatisch die Kompetenz, ein Ergebnis beurteilen zu können.

Vielleicht verändert KI weniger die Bedeutung von Fachkompetenz als die Art, wie wir sie einsetzen.

Neben Wissen gewinnen Einordnung, Urteilskraft, das Erkennen von Zusammenhängen und die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen, weiter an Bedeutung.

Ein systemischer Blick

KI verändert nicht nur Aufgaben. Sie verändert das System Arbeit.

Vielleicht schaue ich aufgrund meines sozialwissenschaftlichen Hintergrunds etwas stärker auf diese Wechselwirkungen. KI ist für mich längst nicht mehr nur ein zusätzliches Werkzeug. Sie wirkt in unterschiedliche Bereiche einer Organisation hinein und verändert deren Zusammenspiel.

01 Kommunikation

Texte, Informationen und Antworten entstehen schneller und in deutlich größerer Menge.

02 Entscheidungen

KI bereitet Informationen auf, liefert Optionen und kann damit Entscheidungen indirekt beeinflussen.

03 Führung

Führungskräfte müssen neue Möglichkeiten ermöglichen, gleichzeitig aber Leitplanken und Verantwortung klären.

04 Arbeitsprozesse

Aufgaben werden neu verteilt, beschleunigt oder teilweise vollständig anders organisiert.

05 Rollen

Wenn KI Teile einer Aufgabe übernimmt, verschiebt sich häufig die menschliche Rolle innerhalb des Prozesses.

06 Kompetenz

Beschäftigte müssen nicht nur Tools beherrschen, sondern deren Einsatz und Ergebnisse einordnen können.

Welche KI-Kompetenzen Mitarbeitende brauchen

Unterschiedliche Rollen brauchen unterschiedliche Vertiefungen. Ein gemeinsames Fundament halte ich trotzdem für sinnvoll. Wer KI im Arbeitsalltag nutzt, sollte vier grundlegende Fähigkeiten entwickeln.

01
Verstehen

Möglichkeiten, Funktionslogik und Grenzen generativer KI grundsätzlich einschätzen können.

02
Anwenden

Erkennen, für welche Aufgaben KI sinnvoll eingesetzt werden kann und wie gute Arbeitsprozesse damit aussehen.

03
Beurteilen

Ergebnisse auf Plausibilität, Qualität, Kontext, Fehler und mögliche Verzerrungen prüfen.

04
Verantworten

Sensible Informationen schützen, Regeln beachten und wissen, wann menschliche Kontrolle erforderlich bleibt.

Der KI-Kompetenzcheck für die Personalentwicklung

Bevor die nächste KI-Schulung geplant wird, können vier einfache Fragen helfen, den tatsächlichen Qualifizierungsbedarf besser einzuordnen.

Nutzung

Wie intensiv wird KI eingesetzt?

Wird sie gelegentlich ausprobiert, regelmäßig genutzt oder ist sie bereits fester Bestandteil des Arbeitsprozesses?

Anwendung

Wofür wird KI genutzt?

Ein Textentwurf stellt andere Anforderungen als eine Analyse, eine Personalauswahl oder die Vorbereitung einer wichtigen Entscheidung.

Auswirkung

Was passiert, wenn das Ergebnis falsch ist?

Je größer die möglichen Folgen, desto wichtiger werden Prüfung, Fachkompetenz und Kontrollmechanismen.

Verantwortung

Wer ist vom Ergebnis betroffen?

Unterstützt KI nur die eigene Arbeit oder beeinflusst das Ergebnis Kunden, Mitarbeitende oder unternehmerische Entscheidungen?

Mit den Möglichkeiten wächst die Verantwortung

Dass Unternehmen sich systematisch mit KI-Kompetenz beschäftigen, halte ich grundsätzlich für richtig. KI kann heute viel bewirken.

Im positiven Sinne kann sie Menschen produktiver machen, Wissen leichter zugänglich machen, Routinetätigkeiten beschleunigen und neue Lösungswege eröffnen.

Genau diese Wirksamkeit bringt aber Verantwortung mit sich. Ein ungeprüfter Inhalt kann veröffentlicht werden. Sensible Informationen können an der falschen Stelle eingegeben werden. Eine vermeintlich objektive Einschätzung kann Entscheidungen beeinflussen.

Je stärker wir KI in unsere Arbeit integrieren, desto wichtiger wird deshalb nicht nur ihre Bedienung, sondern die Fähigkeit, Verantwortung für ihre Nutzung zu übernehmen.

Der Mensch bleibt Teil des Prozesses Weniger selbst produzieren kann bedeuten: mehr steuern, mehr auswählen, mehr einordnen und mehr überprüfen.
AI Literacy & EU AI Act

Warum eine Einheitslösung auch regulatorisch zu kurz greift

Der EU AI Act hat das Thema KI-Kompetenz zusätzlich auf die Agenda vieler Unternehmen gebracht. Artikel 4 verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen dazu, Maßnahmen zur Entwicklung der KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten und weiterer Personen zu ergreifen, die in ihrem Auftrag mit KI-Systemen arbeiten.

Dabei spielen unter anderem technisches Wissen, Erfahrung, Ausbildung sowie der konkrete Einsatzkontext eine Rolle. Eine bestimmte standardisierte Schulungsform schreibt die Verordnung nicht vor.

Seit der Änderung des AI Acts im Juli 2026 wird auch kein bestimmtes oder ausdrücklich „ausreichendes“ Kompetenzniveau mehr vorgeschrieben. Die Verpflichtung, Maßnahmen zur Entwicklung von KI-Kompetenz zu ergreifen, bleibt jedoch bestehen.

Für die Personalentwicklung ist das aus meiner Sicht ein wichtiger Gedanke: Die Frage sollte nicht nur lauten, ob jemand bereits eine KI-Schulung besucht hat, sondern welche KI-Kompetenz für die konkrete Tätigkeit, den Einsatzkontext und die Verantwortung tatsächlich benötigt wird.

Die rechtliche Einordnung dient der allgemeinen Orientierung und ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Grundlage sind die aktuellen Informationen der Europäischen Kommission und der Bundesnetzagentur, Stand August 2026.
Zusammenarbeit von Mensch und künstlicher Intelligenz
Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel KI wir einsetzen. Sondern wie gut wir sie einsetzen.

Aus einer KI-Schulung muss Kompetenzentwicklung werden

Gemeinsame Grundlagentrainings halte ich deshalb keineswegs für überflüssig. Im Gegenteil. Sie können eine gemeinsame Sprache schaffen, grundlegende Risiken vermitteln und einen sicheren Ausgangspunkt bilden.

Der Fehler entsteht erst dann, wenn Unternehmen diesen ersten Schritt mit einer vollständigen Qualifizierungsstrategie verwechseln.

Nach einem gemeinsamen Fundament sollte Personalentwicklung genauer hinschauen: Wo wird KI besonders intensiv genutzt? Welche Arbeitsabläufe verändern sich? Wo entstehen neue Risiken? Wer trägt fachliche oder personelle Verantwortung?

So wird aus einer einmaligen Schulung ein Kompetenzaufbau, der sich gemeinsam mit Technologie und Arbeit weiterentwickelt.

Gemeinsames Fundament
Grundlagen, Möglichkeiten, Grenzen, sichere Nutzung und kritische Prüfung.

Vertiefung nach Anwendung
Zusätzliche Kompetenz dort, wo KI regelmäßig in fachliche Arbeitsprozesse einfließt.

Vertiefung nach Verantwortung
Führung, Freigaben, Risiken, Leitplanken und menschliche Kontrolle.

Regelmäßig weiterentwickeln
Neue Systeme, Funktionen und Einsatzfelder verändern auch den Kompetenzbedarf.

Mein Fazit

Vielleicht ist Orientierung die entscheidende KI-Kompetenz.

KI ist für mich weder etwas, das wir bremsen sollten, noch etwas, dem wir möglichst viele Aufgaben ungeprüft überlassen sollten.

Sie ist ein extrem leistungsfähiges Werkzeug, dessen Möglichkeiten gerade immer größer werden. Und genau deshalb müssen Menschen lernen, sich innerhalb dieser Möglichkeiten sicher zu bewegen.

Sie müssen verstehen, was möglich ist. Sie müssen entscheiden können, was sinnvoll ist. Sie benötigen genügend eigenes Wissen, um Ergebnisse beurteilen zu können. Und sie müssen Verantwortung dafür übernehmen, wie sie KI einsetzen.

Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Aufgaben für Personalentwicklung: nicht jedem Menschen möglichst viel über KI beizubringen, sondern genau die Kompetenz zu entwickeln, die Menschen benötigen, um in einer zunehmend KI-geprägten Arbeitswelt kritisch, sicher und handlungsfähig zu bleiben.

Serkan Güngör
Über den Autor

Serkan Güngör

Serkan Güngör arbeitet in der Personalentwicklung beim ime. Als Sozialwissenschaftler und systemischer Coach beschäftigt er sich mit Lern- und Entwicklungsformaten sowie mit der Frage, welche Kompetenzen Menschen in einer sich verändernden Arbeitswelt benötigen. Dabei interessiert ihn besonders, wie künstliche Intelligenz Arbeit, Zusammenarbeit und Kompetenzentwicklung verändert.

Quellen und fachliche Einordnung

Für die Passagen zu Artikel 4 und KI-Kompetenz wurden insbesondere die aktuellen Informationen der Europäischen Kommission zum Thema „AI Literacy – Questions & Answers“ sowie die Orientierungshilfen der Bundesnetzagentur zum Aufbau von KI-Kompetenz berücksichtigt. Rechtsstand der im Beitrag genannten regulatorischen Informationen: August 2026. Die Ausführungen stellen keine Rechtsberatung dar.